„Was macht sie wütend?“, fragt die indische Regisseurin Rebana Liz John die Frauen in den Damenabteilen der Züge in Mumbai. Ihre Geschichten in dem Dokumentarfilm „Ladies Only“ sind sehr vielschichtig – ebenso wie die Antworten der 35-jährigen Regisseurin im Interview.

Frau John, für den Dokumentarfilm “Ladies Only” haben Sie sich in die Damenabteile der Nahverkehrszüge in Mumbai begeben. “Was macht Sie wütend?”, haben Sie die Frauen gefragt? Daraus haben sich vielfältige Antworten ergeben. Für Ihren Dokumentarfilm sind Sie am Ende der Berlinale mit dem Kompass-Perspektive-Preis 2022 ausgezeichnet worden. Wie sind Sie auf die Idee für dieses Projekt gekommen?

Rebana Liz John: Es war die Zeit der “Me too”-Bewegung. Ich fand ein altes Foto von Frauen in einem Damenabteil eines Zuges und ich dachte mir, dass das ein guter Ort für einen Film werden könnte, denn dort sind die Frauen unter sich. Ich bin in Mumbai geboren und aufgewachsen und selbst oft mit dem Zug gefahren. Es geht dort unter den Frauen sehr solidarisch zu.

Die indische Regisseurin Rebana Liz John. Foto: Ronny Heine/Film School Fest

Warum haben Sie sich entschieden, den Film in Schwarz-Weiß zu zeigen? 

John: Viele sagen immer, dass Indien exotisch ist. Ich finde, dass Indien farbenfroh, aber nicht exotisch ist. Ich wollte mit meinem Film diesen Blick auf das Exotische verschieben.“

Sie fragten die Frauen: “Was macht Sie wütend?” Warum haben Sie sich für diese Frage entschieden?

John: Über die Wut von Frauen wird selten gesprochen, obwohl es in patriarchalen Strukturen viel Wut gibt. Aber sie ist mit Scham behaftet. Wenn sich Frauen ständig anpassen und aufopfern, dann muss doch die Wut irgendwo hin. Und dem wollte ich nachgehen.

Wie sind Sie auf die Frauen zugegangen?

John: Wir waren ein kleines Team von drei Frauen. Man merkt schnell, wer Interesse hat und wer nicht. Ich habe zur Kamerafrau gesagt, dass wir nicht die Frauen filmen, die es nicht mitbekommen. Wir verwendeten auch keine Zoom-Linsen, so dass wir an sich schon näher an die Frauen heran mussten. Die meisten waren sehr offen, manche wollten nicht mit uns sprechen, aber das habe ich respektiert. Manchen habe ich ein Gedicht von Kamla Bhasin gereicht, damit sie es laut vorlesen.

Warum haben Sie sich für ein Gedicht von Kamla Bhasin entschieden?

John: Sie ist eine großartige Poetin und Aktivistin. Ich fand das Gedicht sehr schön und leicht zugänglich. Leider ist sie im vergangenen Jahr gestorben. Ich hätte ihr den Film gerne gezeigt.

Foto: Rebana Liz John

Was hat Sie während der Gespräche mit den Frauen am meisten überrascht?

John: Nicht unbedingt überrascht, aber ich mochte ihren Sinn für Humor. Sie waren im Umgang mit mir sehr direkt, das hat mir gut gefallen. Es waren alle sehr starke Charaktere. Ich hoffe, dass ich sie alle einmal zusammenbringen kann, damit wir den Film gemeinsam anschauen können.

Man hört in den Gesprächen schon auch heraus, dass das Leben der Frauen nicht immer einfach ist?

John: Jeder, der in einer Stadt wie Mumbai lebt, wird sagen, dass das Leben hart ist. Es hängt natürlich auch noch von dem sozialen Status und der Klasse ab, wie das Leben für jemanden in einer Mega-City verläuft. Ich wollte die Frauen in meinem Film nicht als Opfer darstellen.

Foto: Rebana Liz John

Sitzen in den Zügen Frauen aus allen sozialen Klassen?

John: Ja, ich habe in der zweiten Klasse gedreht, nicht in der ersten. Ich wollte unterschiedliche Frauen porträtieren. Ich dachte mir, dass ich sie in der zweiten Klasse eher finde.

Was haben Sie von den Frauen gelernt?

John: Es gab Momente, während ich den Film geschnitten habe und den Frauen zuhörte, dass ich mich in ihnen wiederentdeckt habe. Sei es, dass man lernen muss, die Realität zu akzeptieren und dass es auch frustrierende Momente geben kann, eine Frau zu sein. Ich konnte mit ihnen mitfühlen und sie verstehen.

Oft haben wir bestimmte Stereotypen über Länder und Menschen im Kopf, auch über Indien. Wie sehen Sie das?

John: Ich wollte mit meinem Film zeigen, dass eine Gesellschaft sehr komplex und vielschichtig ist, es gibt Nuancen. Man macht es sich in seinen Stereotypen bequem, wenn man nicht wirklich neugierig auf andere Kulturen ist.

Foto: Rebana Liz John

Wie sind Sie in Mumbai aufgewachsen?

John: Ich komme aus einer privilegierten Familie, aber das Patriarchat habe ich auch in meiner Familie und meiner Umgebung erlebt.

Was meinen Sie damit?

John: Ich glaube, dass das Patriarchat auf der ganzen Welt existiert. Es wird oft als normal und gegeben angesehen. In der Hinsicht muss sich noch viel tun.

Wie lange haben Sie gedreht?

John: Wir haben 30 Tage gedreht. Insgesamt hatte ich 75 Stunden Material, was ich während der Pandemie selbst geschnitten habe. Das ganze Projekt dauerte zweieinhalb Jahre.

Sie sind nach Deutschland gezogen, um Ihren Master an der Kunsthochschule für Medien in Köln zu machen. Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

John: Ich bleibe erst einmal in Deutschland und ich möchte weiterhin Filme drehen, vor allem in Indien. Für mich ist das als Filmemacherin eine wunderbare Situation, dass ich in einem anderen Land lebe, aber aus einem anderen Land komme und darüber erzählen kann.

Vermissen Sie Indien?

John: Ja schon, vor allem das Streetfood-Essen. Ich koche mir aber viel indisches Essen zu Hause, was manchmal recht aufwendig ist.

Ladies only: Was indische Frauen erzählen, wenn sie unter sich sind

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