Luise Steggewentz hat schon drei japanische Bestseller ins Deutsche übersetzt. Im Interview verrät sie, warum ein Übersetzungswettbewerb ihren Berufsweg beeinflusste, was die japanische Sprache auszeichnet, wie die gebürtige Hannoveranerin bei ihrer Arbeit vorgeht und warum Tokio für sie besonders ist.

Warum wolltest du Übersetzerin werden? 

Luise Steggewentz: Ich habe Japanologie studiert. Während meines Studiums nahm ich an einem Übersetzungswettbewerb für Literatur teil. Das war ziemlich schwierig, ich habe kläglich versagt (lacht). Ich las den Text des Gewinners, der sehr gut war. Mich hat das so gewurmt, dass ich so schlecht abgeschnitten hatte, dass ich es auch können wollte. Ich dachte eigentlich, dass ich ein gutes Sprachgefühl habe, ich spreche sehr gut Deutsch und Japanisch. Um Literatur zu übersetzen, gehört aber noch viel mehr dazu.

Und warum wolltest du die japanische Sprache lernen?

Luise: Ich war in der Schulzeit ein großer Manga-Fan. Meine Heimatstadt Hannover ist die Partnerstadt von Hiroshima und dort gab es den „Freundschaftskreis Hiroshima“, bei dem ich Japanisch gelernt habe. In der 11. Klasse ging ich für ein Austauschjahr nach Japan und war schockverliebt (lacht). Damit verlegte sich das Interesse nach Japan und ich bin dort sozusagen hängen geblieben.

Braucht man für die Übersetzung von Literatur noch eine Zusatzausbildung?

Luise: Ich war auf einem Seminar in Frankfurt, das Ursula Gräfe gehalten hat. Sie übersetzt unter anderem alle Bücher des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami. Das hat mich noch einmal zusätzlich motiviert. Ich studierte dann im Master literarisches Übersetzen. Neben dem Studium übersetzte ich nebenbei schon Mangas, das mache ich auch heute noch.

Ich stelle mir literarisches Übersetzen vom Japanischen ins Deutsche nicht einfach vor?

Luise: Das Japanische ist einfach sehr anders. Es kommt zum Beispiel mit weniger Informationen aus als das Deutsche. Deswegen ist man stark auf den Kontext angewiesen, weil man das Wage präzise machen muss. Auch kommt das Japanische ohne Personalpronomen aus, es heißt dann nur “zur Arbeit gehen”. Es kann aber bedeuten, dass meine Mutter zur Arbeit gegangen ist oder ich zur Arbeit gegangen bin.

Wie kamst du an deinen ersten Auftrag?

Luise: Das war am schwierigsten. Nach dem Aufbaustudium ging ich auf die Frankfurter Buchmesse, verteilte Lebenslauf und Übersetzungsproben an die Verlage. Das hat allerdings nicht so viel gebracht. Den allerersten Auftrag hat mir tatsächlich Ursula Gräfe vermittelt. Das war der Roman “Die Insel der Freundschaft” von Durian Sukegawa. Darin kam relativ viel Jugendsprache vor, weil es dort um drei Jugendliche geht. Ursula Gräfe meinte, dass es vielleicht ganz gut wäre, wenn jemand Jüngeres den Roman übersetzt. Sie schlug mich daraufhin dem Verlag vor. Ich musste noch eine Übersetzungsprobe abgeben, so kam ich zu meinem ersten Auftrag.

Ist der Markt an Übersetzung von literarischer Literatur begrenzt?

Luise: Es gibt immer noch wenige Übersetzer, auch wenn ich das Gefühl habe, dass es mehr werden. Es gibt allerdings noch so viel japanische Literatur, die noch nicht übersetzt wurde.

Drei japanische Bestseller, die Luise Steggewentz übersetzt hat.

Soeben kam ein japanischer Bestseller auf den deutschen Markt, den du übersetzt hast: “Frau Shibatas geniale Idee” von Emi Yagi. Darin geht es um eine 34-jährige Angestellte, die in Tokio lebt und ihre Schwangerschaft vortäuscht. Wie bist du an die Übersetzung herangegangen?

Luise: Zuerst lese ich das Buch einmal durch. Dann schreibe ich meine Eindrücke des japanischen Textes stichpunktartig auf. Danach folgt eine kurze Sprachanalyse. Die ist sehr praktisch, nicht wissenschaftlich, zum Beispiel: Ironischer Unterton, Beobachterperspektive, Ton verändert sich ab der Mitte des Buches, es wird fantastischer. Danach mache ich mich an die Übersetzung. Das ist die große Herausforderung, weil man ganz viele Einzelentscheidungen treffen muss. Man muss viele Fragen klären: Wie nahe bleibt man am Original? Oder wie stark verändert man die Übersetzung für den Lesefluss? Im Japanischen duzt oder siezt man sich nicht, es gibt unterschiedliche Höflichkeitsformen. Dann gibt es Wörter oder Gemüsesorten, die nur im Japanischen existieren. Ich muss mich dann entscheiden, ob ich den japanischen Begriff lasse oder ob ich es ins Deutsche übersetze. Wegen der vielen Entscheidungen sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr (lacht).

Und wenn du mal nicht weiter weißt?

Luise: Wenn ich mir unsicher bin, frage ich Freunde oder Familie, natürlich auch die Lektorin. Bei dem Buch “Frau Shibatas geniale Idee” habe ich meiner Lektorin schon einmal zehn Seiten Übersetzung vorab geschickt. Wir haben uns abgesprochen, ob das von der Tonalität auch so passt.

Hast du mit den Autoren Kontakt?

Luise: Mit Emi Yagi hatte ich per Mail Kontakt. Durian Sukegawa von “Insel der Freundschaft” habe ich in Tokio persönlich getroffen. Ich wohne dort, das macht es einfacher.

Für die Übersetzung eines Romans hat Steggewentz mehrere Monate Zeit

Wie lange hast du für die Übersetzung für den Roman “Frau Shibatas geniale Idee” gebraucht?

Luise: Ich hatte sechs Monate Zeit und ich habe dieses Buch in dieser Zeit sehr oft gelesen (lacht). Aber irgendwann muss man Schluss machen, obwohl man noch ständig etwas verändern könnte. Bei dem Roman “Insel der Freundschaft” waren es so drei bis vier Monate, das Buch war auch länger.

Wie sieht dein Tagesablauf aus, wenn du übersetzt?

Luise: Ich stehe um halb sieben auf und lege so gegen halb acht los. Ich setze mir kleine Ziele, wie weit ich kommen möchte. Ich übersetze ein bis zwei Stunden. Sobald die Konzentration weg ist, lenke ich mich ab oder gehe spazieren. Und wenn ich mich zu Hause zu viel ablenken lasse, gehe ich in ein Shared Office.

In gewisser Weise ist dein Beruf doch auch eine einsame Tätigkeit?

Luise: Ein bisschen schon, aber mir gefällt es und es macht mir sehr viel Spaß. Weil die Protagonistin in dem Buch “Frau Shibatas geniale Idee” behauptet, dass sie schwanger ist, war ich während des Übersetzens richtig im Schwangerschaftsmodus (lacht). Für die Recherche habe ich mich bei vielen Schwangerschaftsblogs eingelesen, damit ich auch nichts Falsches schreibe. Irgendwann hatte ich selbst das Gefühl, dass ich schwanger bin (lacht). Die Autorin Emi Yagi ist wie ich Jahrgang 1988 und es ist ihr Debütroman. Da habe ich mich noch einmal mit ihr zusätzlich verbunden gefühlt. Ich mache das literarische Übersetzen schließlich auch noch nicht so lange.

Rund 37 Millionen Menschen leben in der Metropolregion Tokio.

Was ist dein jüngstes Übersetzungsprojekt?

Luise: Im Februar kam “Tamons Geschichte: Roman einer Reise nach Süden” von Seishu Hase heraus.

Übersetzerin über Tokio: „Aufregend und wuselig“

Wirst du auch anteilig am Verkauf beteiligt?

Luise: Ja, ich bekomme eine einmalige Zahlung und werde anteilig am Verkauf beteiligt.

Du lebst seit fünf Jahren in Tokio. Wie würdest du die Stadt beschreiben?

Luise: Aufregend, wuselig. Eine Mischung aus Großstadt und vielen kleinen Dorfgemeinden, die zu einer großen Hauptstadt zusammengefügt sind. Tokio ist traditionell und modern zugleich.

Hast du vor, irgendwann nach Deutschland zurückzukehren?

Luise: Im Moment nicht, aber wer weiß. Ich bin mit einem Japaner verheiratet, wir haben uns in München kennengelernt. Er würde am liebsten in Deutschland leben, ich in Japan (lacht). Da müssen wir uns noch absprechen.

„Man könnte ständig etwas verändern“

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