In Indien und in der Barszene ist Ami Shroff schon ein Star, mit der Netflix-Dokuserie „Midnight Asia“ ändert sich das jetzt. Im Interview spricht sie über ihre ungewöhnliche Kindheit und sie verrät, warum sie erst spät zu ihrer Sexualität fand.

Ami, du bist die erste Frau Indiens im Flairbartending. Wie erklärst du jemandem deinen Beruf, der mit dem Begriff nichts anfangen kann?

Ami Schroff: Es geht um die artistische Präsentation der Arbeit an der Bar. Ein Flairbartender erledigt seine Arbeit mit Finesse und Flair, es ist schön ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Ich jongliere oder werfe Flaschen, die Cocktails werden auf künstlerische Art gemixt. Dieses bestimmte Flair kann man auch außerhalb einer Bar finden, zum Beispiel beim letzten Schliff am Pizzateig, damit er schön cross wird.

Du machst an der Bar sehr viele Tricks mit dem Jonglieren. 

Ami: Ja, das ist erst später hinzugekommen. Zuerst habe ich nur an der Bar gearbeitet und Flairbartending gemacht. Dann habe ich mir mit der Zeit viele Tricks im Jonglieren angeeignet. Sei es in der Kontaktjonglage, also dass man Körperkontakt mit dem jeweiligen Objekt hat oder beim Jonglieren mit drei Gegenständen.

Wie kamst du zu deinem Beruf?

Ami: Eigentlich hat es schon mit 13 Jahren angefangen, weil ich in der Zeit den Film „Cocktail“ (1988) mit Tom Cruise gesehen habe. Die Tricks in dem Film faszinierten mich damals sehr. Ich schaute mir ein paar davon ab und übte mit einer Wasserflasche. Mit 18 lernte ich einen Flairbartender kennen und zeigte ihm, was ich gelernt hatte. Ihm gefiel es und er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte in einer Bar zu arbeiten. So wurde ich erst einmal Assistentin und habe mir viel bei seinen Auftritten abgeschaut. Ich habe das nicht professionell gelernt, aber ich habe mir viele Videos im Internet dazu angeschaut. Ich bin jetzt 36 und mache den Job seit gut 18 Jahren.

Du musst doch sicherlich viel trainieren?

Ami: Ja, es erfordert viel Übung. Je mehr man trainiert, desto besser und präziser wird man. Auch was die Cocktails betrifft, braucht es Training: Welche Zutaten kombiniert man am besten? Welche Kreation könnte man noch ausprobieren? Oder wie kann man einem klassischen Cocktail-Rezept einen besonderen Twist geben? Man muss auch ein Händchen dafür haben, damit eine Bar reibungslos und effizient funktioniert. Was gilt es zum Beispiel zu beachten, wenn viel los ist? Wie regelt man die Abrechnung? Um das Organisatorische muss ich mich insofern nicht kümmern, weil ich als Freelancer arbeite. Aber jede Bar operiert anders.

Arbeitest du nur in Mumbai oder auch in anderen Städten?

Ami: 30 Prozent meiner Arbeit findet in Mumbai statt, der Rest außerhalb. Ich bin ebenso in Bangalore, Delhi, Kalkutta, Hyderabad oder Chennai. Ich habe aber auch Aufritte, die nicht in der Großstadt sind, sondern in einer schönen Gegend. Oft sind es mehrtätige Firmenmeetings, wo abends gefeiert wird. Und da wollen sie gerne etwas geboten haben und buchen Leute wie mich. Das ist schön, weil die Location meistens sehr luxuriös ist und ich habe nach meiner Schicht noch ein bisschen frei und genieße die Umgebung.

Ami Shroff: „Sexismus gibt es auch in meiner Branche“

Welche Charaktereigenschaften braucht ein Bartender?

Ami: Man muss kreativ, gastfreundlich, gut im Verkauf sein. Manche Getränke haben ein Haltbarkeitsdatum, deswegen muss man die Getränke in der Zeit anbieten. Sonst ist die Flasche abgelaufen und man muss sie entsorgen, das ist nicht wirtschaftlich. Heute legen viele Bars viel mehr Wert auf Nachhaltigkeit. Bei guten Bars fällt es besonders auf, wenn sie auf kleinste Details achten.

Gibt es viele Frauen in Indien, die als Bartender arbeiten?

Ami: Als ich 2003 angefangen habe, gab es kaum Frauen. Ich würde sogar sagen, dass auch heute noch Frauen weniger als zehn Prozent in meinem Beruf ausmachen. Es gab damals auch wenige Bars oder Alkoholmarken aus Indien. Das ist erst mit den Jahren sehr populär geworden. Auch die Cocktails sind heute viel besser geworden.

Musstest du zu Beginn mit Vorurteilen kämpfen?

Ami: Ich habe nicht die eine schlimme Erfahrung gemacht, aber Sexismus gibt es auch in meiner Branche. Als Frau kann es gefährlich werden, nachts alleine unterwegs zu sein. Viele Hotels und Bars sorgen dafür, dass man nach seiner Arbeit sicher nach Hause kommt. Ich meine sogar, dass in einem Gesetz festgelegt wurde, dass sich der Auftraggeber um den Transport kümmern muss. Manche Bars machen daraus ein Privileg. Aber ich sehe es nicht als Privileg, dass ich sicher nach Hause komme. Es ist eine Einschränkung. Das Gastgewerbe ist sehr hierarchisch, wie vermutlich überall auf der Welt. Wenn dort nur Männer im Senior- und Managementlevel arbeiten, verstehen sie die Perspektive der Frauen nicht. Je mehr Frauen in höhere Positionen kommen, desto mehr zieht es andere Frauen auch dorthin.

In der Netflix-Dokuserie „Midnight Asia“ hast du erzählt, dass du sehr viele Freiheiten als Kind hattest. Was genau heißt das?

Ami: Viele hielten mich damals für einen Jungen, da durfte ich schon einmal mehr (lacht). Mädchen dagegen wurde immer gesagt, was sie tun dürfen und was nicht. Meine Eltern, besonders meine Mutter, ließen mir viele Freiheiten. Ich war auf einer Mädchenschule, da machte man keinen Sport, es ging immer nur um Noten. Meine Eltern schickten mich zum Karateunterricht. Mit neun Jahren bin ich schon alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren. Meine Mutter scherte sich auch nicht darum, wenn ich mit schmutziger Kleidung oder Schürfwunden nach Hause kam. Das machte mich früh unabhängig. Es war auch nicht üblich, dass eine Frau arbeitete, meine Mutter unterrichtete Soziologie. Mein Vater unterstützte sie in allem, er setzte ihr keine Grenzen, er war ein Feminist. Ihre Ehe war nicht arrangiert, das war für damalige Verhältnisse richtig revolutionär.

In deinem Instagram-Profil heißt es unter anderem „queer and proud“. Wie ist es als Frau in Indien so offen mit der eigenen Sexualität umzugehen?

Ami: Seitdem ich offen damit umgehe, ist es für mich viel besser. Ich war um die 20, als ich zu meiner Sexualität stand. Das hätte ich viel früher machen sollen. Ich wusste schon als Kind, dass ich anders bin als die anderen Mädchen. Mit meinen Eltern habe ich nicht darüber geredet. Ich kannte keine anderen Frauen, die auf Frauen standen. Die homosexuelle Ehe ist in Indien noch nicht legalisiert, bis vor wenigen Jahren galt ich wegen meiner sexuellen Orientierung noch als kriminell. Der Wandel ist da, aber er geht sehr langsam voran. Viele Gesetze stammen noch aus der Kolonialzeit der Briten. Es muss sich noch einiges ändern.

Ist ein Leben als unabhängige Frau einfacher, wenn man in einer Metropole wie Mumbai lebt anstatt auf dem Land?

Ami: Es hängt immer auch von der eigenen Familie ab, aber ich glaube schon, wenn ich auf dem Land aufgewachsen wäre, hätte ich nicht das Selbstbewusstsein, das ich heute habe. Ich bin gerne in der Natur und in den Bergen. Ich brauche beides – die Stadt und das Land.

Wie ist Mumbai?

Ami: Verrückt, hektisch, arbeitsreich, divers, dicht bevölkert. Es ist eine Stadt der Extreme: Menschen sind sehr reich oder haben fast nichts. Manche Viertel sind sehr sauber und wunderbar hergerichtet, andere dagegen stark vernachlässigt, unhygienisch und in einem sehr schlechten Zustand. Man darf in dieser Stadt nicht zu relaxed sein. Sie ist gut für jemanden, der Karriere machen möchte. Man kann sich sehr schnell in die Stadt verlieben. Jedes Mal, wenn ich wieder nach Mumbai komme, fühlt es sich wie nach Hause kommen an.

Hast du schon viel Feedback bekommen, weil du bei der Netflix-Dokuserie „Midnight Asia“ mitgemacht hast?

Ami: Aus Indien schon, da kennen mich einige. Sie haben sich für mich gefreut. Es ist wirklich toll, dass sich so viele Menschen auf Netflix die unterschiedlichsten Serien aus der ganzen Welt anschauen können.

Was hast du noch für Pläne? 

Ami: Ich mache nicht wirklich Pläne, sondern das, was mir Spaß macht. Mir ist Nachhaltigkeit sehr wichtig. In der Richtung möchte ich mehr machen, weil auch in einer Bar sehr viel verschwendet wird. Mich stört das. Wenn ich einen Auftritt habe und es gibt Alkohol umsonst, dann nutzen es viele nicht und man muss ihn wegschütten, weil die Gäste ihre bestellten Getränke nicht mal an der Bar abholen. Während der Pandemie habe ich viel gepflanzt und kompostiert. Ich habe dadurch noch einmal einiges gelernt. Ich würde gerne meine Gartenarbeit mit meinem Job kombinieren, bestimmte Kräuter und Pflanzen für meine Cocktails verwenden. Mein Job als Barfrau macht mir immer noch Spaß, ich werde mit meinen Fähigkeiten noch mehr experimentieren.

Instagram-Account von Ami Shroff: @amishroff

Netflix-Star Ami Shroff: Sie ist Indiens beste Flairbartenderin

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.