Mehr Souveränität im Alltag. Karin Kuschik weiß, wie’s geht. Seit über 20 Jahren arbeitet sie erfolgreich als Coach. Ihr Buch „50 Sätze, die das Leben leichter machen“ ist ein Bestseller. Interview mit einer beeindruckenden Frau, die einen Unterschied machen will.

Frau Kuschik, warum fällt es uns oft so schwer, das Leben leicht zu nehmen? 

Karin Kuschik: Weil wir die Dinge kompliziert nehmen, sie zerdenken anstatt sie zu fühlen. Ich bekomme ja viel Feedback über Instagram. Dort schrieb mir eine Frau neulich, dass ihr der Kollege ständig auf den Busen starrt. Sie fragte mich, was sie tun soll. Da ist zunächst einmal auf ihrer Seite ein Gefühl des kompletten Ausgeliefertseins: “Ich kann dem doch jetzt keine Ohrfeige geben, aber ich muss doch auch was sagen!” Dann meinte ich zu ihr, stell ihm lieber eine Frage: „Es wirkt so, als ob du mir auf den Busen starrst. Starrst du mir auf den Busen?“

Hat sie ihn das gefragt?

Nein. Das Lustige ist, sie musste ihn gar nicht fragen. Sie war scheinbar so gut vorbereitet und wildentschlossen ihn zu konfrontieren, dass er tatsächlich nie wieder auf ihren Busen gestarrt hat. Das erlebe ich nach einer super Vorbereitung übrigens oft.

Die Unternehmerin Lea-Sophie Cramer, Mitgründerin des Erotikshops Amorelie, hat in ihrem Podcast “Fast & Curious” erzählt, dass bei einem Investoren-Meeting der Investor nur ihren Mitgründer angeschaut hat. Darauf sagte sie sinngemäß: “Sie machen das sicherlich nicht mit Absicht, aber Sie schauen die ganze Zeit nur meinen Mitgründer an.” Er war total überrascht und entschuldigte sich. Den Rest des Meetings schaute er nur noch sie an

Das ist ein tolles Beispiel! Sie war einfach nur sein Spiegel und hat gar nichts Neues reingebracht. Ihr Gegenüber kann sich dadurch leicht selbst korrigieren. Vermutlich hat er es ja auch gar nicht persönlich gemeint. Wenn die Unternehmerin nie geboren wäre, hätte der Investor vermutlich eine andere Frau ignoriert. Sein Verhalten lag nicht an ihr. Es lag an ihm.

Das Buch von Karin Kuschik ist seit Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste in der Kategorie Sachbuch (Taschenbuch)

Der erste Satz aus Ihrem Buch “50 Sätze, die das Leben leichter machen” lautet: “Wer mich ärgert, bestimme immer noch ich.” Klingt so leicht, ist aber manchmal gar nicht so einfach umzusetzen

Ja, so wirkt es vermutlich. Meine Erfahrung ist jedoch: Es ist einfacher als wir glauben. Wahr ist doch, man kann sich nur über andere ärgern, wenn man die Macht an sie abgegeben hat. Dazu kommt: Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Mein Eindruck ist, dass ohnehin gerade alle ein bisschen durchdrehen. Ich hätte auch viele Gründe mich aufzuregen, aber ich habe eben auch ein Leben zu leben. Ich habe daher nicht vor mich von Menschen ärgern zu lassen, die ich nicht mal kenne oder die ich nicht mag. Das hat etwas mit Selbstermächtigung zu tun: Dafür bin ich mir zu wichtig, dafür habe ich mich zu lieb, das erlaube ich einfach nicht.

Welcher Satz hatte für Sie den größten Aha-Moment? 

“Wer mich ärgert, bestimme immer noch ich.” Er ist knackig, irgendwie trotzig und auch sehr selbstbestimmt. Ich habe ihn bewusst in das erste Kapitel genommen, weil ich wollte, dass es gleich mit einem Knall losgeht.

Bei den Sätzen geht es immer um Abgrenzung, dass man für sich einsteht. Beobachten Sie einen Unterschied zwischen Frauen und Männern?

Auf jeden Fall. Frauen können sich viel schwerer abgrenzen, ebenso empathische Männer. Je empathischer jemand ist, desto schwerer fällt die Abgrenzung. Das Verständnis für die Situation von anderen Menschen kommt einem dabei nämlich in die Quere. Man denkt, „Das kann ich doch jetzt nicht sagen!“ Frauen sind im Arbeitsumfeld auch viel interessierter. Wenn eine Frau einem Mann sagt, sie konnte gestern nicht kommen, weil ihr Kind krank war, dann sagt er: “Gut, na heute bist du ja wieder da.” Das war Information genug für ihn, er bleibt eher faktisch. Wenn sie denselben Satz zu einer Frau sagt, wird die andere Frau vermutlich nachfragen, was das Kind denn hatte, wie es ihm geht, sie wird vielleicht sogar einen Arzt empfehlen.

Die 50 Sätze, die Sie als Beispiele geben, muss man schon auch in der Praxis anwenden. Sonst bringt es vermutlich nichts

Genau. Ich habe in meinen Coachings, die ich seit über 20 Jahren gebe, meinen Fokus immer auf die Umsetzung gelegt, nie auf das Wissen. Ich mag es, Zusammenhänge und Themen, die wir üblicherweise schwernehmen, leicht zu verpacken. Damit sich die Coachees die Lösung auch zutrauen. Und es scheint offensichtlich zu klappen. Ich bekomme sehr viele Nachrichten auf Instagram, in denen mir Menschen schreiben, dass sie einen Satz angewendet haben, der funktioniert hat. Ich wollte ja nicht einfach ein unterhaltsames Buch schreiben, ich wollte einen Unterschied machen. Denn ich bin sicher: Das Leben ist genauso schwer, wie wir es nehmen.

Zu dem Satz “Ich glaube, das ist dein Thema” geben Sie das Beispiel eines Paares. Der Mann hat sich von seiner Frau getrennt, die Neue kommt mit auf ein Fest zu seinen Freunden. Eine Frau sagt zu der neuen Partnerin: “Du bist also der Grund für die Trennung.” Ich finde, dass die neue Partnerin sehr cool und souverän reagiert hat

Ja… Sie hat gesagt: “Ich glaube, das haben die beiden ganz gut alleine hinbekommen.” Kleiner Insider: Die Frau war ich (lacht), daher weiß ich: Es war wirklich leicht. Ich finde ja auch so was Kurzes wie “Gute Besserung” funktioniert immer. Neulich an der Kasse zum Beispiel, war die Kassiererin total unverschämt. Ich sagte zu ihr: “Dann haben wir das jetzt geklärt, dann kriege ich noch zwölf Euro von Ihnen und wünsche Ihnen schon mal gute Besserung.” Sie hat mich ganz verdutzt angeschaut. Der Spruch “Gute Besserung” ist einfach eine Einladung zur Selbstreflexion, sodass der andere darüber nachdenken kann, dass er sich gerade völlig daneben benommen hat.

Auch ein sehr guter Satz ist: “Wir passen einfach nicht zusammen.” 

Absolut. Da gab es die beiden Arbeitskollegen, die einfach nicht zusammenarbeiten konnten. Als einer diesen Satz fallen ließ, haben sie sich plötzlich zusammengerauft. Weil sie gemerkt haben, dass jeder über Qualitäten verfügt, die der andere nicht hat. Vorher hatten sie sich immer bei Dritten übereinander aufgeregt. Aber wer möchte denn bitte so viel Energie verschwenden? Dafür ist das Leben einfach zu kurz.

Unter Frauen stelle ich mir das schwieriger vor

Frauen nehmen vieles persönlicher. Dafür gibt es diesen schönen Satz: “Ich sage das nicht gegen dich, ich sage es für mich.” Das Gespräch könnte dann lauten: “Ich lade dich ein, das nicht persönlich zu nehmen. Es ist sonst anstrengend für mich, ich habe dich nämlich gar nicht angegriffen. Was machen wir denn jetzt, wo wir nicht zusammenzupassen? Lass uns mal an einer konstruktiven Lösung arbeiten.” Und mit einer konstruktiven Lösung kann man Frauen immer schnell gewinnen.

Es gibt Kollegen auf der Arbeit, die sehr lärmempfindlich sind

Ich gehöre auch zu diesen hypersensiblen Menschen. Ist anstrengend für alle. Denn wir hören Dinge, da würden andere vermutlich ausrasten. Hypersensible fühlen sich immer unverstanden. Aber 95 Prozent der Menschen sind eben weniger empfindlich, sie können das nicht nachvollziehen. Es hilft daher zu sagen, dass man überempfindlich ist, dann können sich die Leute darauf einstellen. Oft sagen die Hypersensiblen aber nichts. Ich hatte zum Beispiel lange ein Problem damit, wenn jemand die Nase hochzieht. Einen Taxifahrer habe ich mal aus purer Not gefragt, ob ich ihm ein Taschentuch anbieten kann. Als er das verneint hat, sagte ich: “Glauben Sie mir, Sie brauchen zwei.” Da mussten wir beide lachen.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie das Gefühl haben, dass alle ein bisschen durchdrehen. Woher rührt das?

Woher es rührt, weiß ich nicht. Ich vermute, es hat viel mit Corona zu tun. Corona war ja wie eine Lupe, die sich über die Welt gelegt hat und jeder konnte sich zehnfach vergrößert anschauen. Der Nervige war noch nerviger, der latent Aggressive hat sich ums Klopapier gekloppt, der leicht Introvertierte wurde depressiv, der leicht Ungeduldige wurde irre ungeduldig. Nur, viele haben sich selbst so gar nicht wahrgenommen, sie neigen eher zur Verurteilung anderer und zur Generalisierung: “Keiner ist mehr zuverlässig, niemand geht mehr ans Telefon.” Fehlende Selbstverantwortung also.

Haben Sie aus dem Buch einen Lieblingssatz?

“Das verzeihe ich mir am besten gleich mal selbst“, gefällt mir gut. Ich war einmal bei einer Heilpraktikerin, die den Satz verwendet hat, nachdem sie gemerkt hatte, dass sie 90 Minuten am Thema vorbeidiagnostiziert hatte. Sie hat mir die Stunde trotzdem berechnet. Mein erster Gedanke war: “Geht’s noch?“ Im Nachhinein war ich beeindruckt. Ich fand es toll, wie sie sich das einfach mal so ganz selbstverständlich selbst verziehen hat.

Auf was kommt es im Leben an? 

Dass man sich selbst und andere unterscheiden kann. Viele merken ja gar nicht, wo sie aufhören und wo die anderen anfangen. Wir sind verwirrt, vermischen alles, kommen dann zu dem Schluss, dass Anschuldigung und Rechtfertigung der richtige Weg sind, dabei war das noch nie eine gute Idee. So entwickelt man sich nicht. Ich spreche oft von Selbstführung, man kann auch Selbstverantwortung sagen. Der Einzige, der sich allerdings verändern lässt, sind immer noch wir selbst.

Was muss man mitbringen, um so intensiv mit Menschen zu arbeiten?

Was mich auszeichnet ist, glaube ich, eine enorme Menschenkenntnis. Ich kann gut hören, was keiner sagt. Die Metaebene ist wichtig, dadurch bekomme ich viel mehr Information mit. Ich bin quasi eine Blindspot-Beleuchterin, die bei unangenehmen Dingen die Taschenlampe auf die blinden Flecken hält (lacht). Das tut erstmal weh. Aber zum Glück gibt es, wo Widerstand ist, auch immer Wahrheit, es folgen Erleichterung und Erlösung.

Haben Sie schon mal einmal ein Coaching abgebrochen? 

Wenn ich ein komisches Gefühl hatte, habe ich es gar nicht erst angenommen. Nur einmal habe ich ein Privat-Coaching früher als geplant beendet. Ich sagte schon im Vorgespräch, dass ich die Falsche bin, aber der Coachee wollte es unbedingt. Ich habe also angenommen – eine klare Fehlentscheidung. Irgendwann merkte er selbst, dass er in einer Psychotherapie besser aufgehoben wäre. Es gibt auch Menschen, die kommen zu einem mit so einer “Lieferando”-Mentalität. Der Coach soll liefern. Dabei ist es andersrum. Nicht der Coach liefert, sondern der Coachee. Das ist ein riesen Unterschied zum Training, wo ich ganz viel mitbringe und den Teilnehmern etliche Tools an die Hand gebe. Als Coach dagegen gehe ich mit einem Blanksheet rein, ich weiß gar nichts. Wenn der Coachee anfängt zu erzählen, beleuchten wir seine Themen, nicht die, die ich mir vorgestellt habe. Sich hundert Prozent einlassen können ist, glaube ich, die Kunst

Mehr Infos über Karin Kuschik über www.karinkuschik.com

Instagram-Account von Karin Kuschik @karinkuschik

„Je emphatischer jemand ist, desto schwerer fällt die Abgrenzung“

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