Schlimme Fälle von sexueller Gewalt erschüttern die Brasilianer. Die Rechtsanwältin Camila Rufato kämpft mit anderen Frauen gegen häusliche und sexuelle Gewalt und bietet rechtliche Hilfe. Im Interview spricht sie über rückständige Gesetze und das Ansehen der Frau in der Gesellschaft.

Frau Rufato, mehrere Fälle erschüttern gerade Brasilien: Ein elfjähriges Mädchen wird von einem Verwandten vergewaltigt, das Gesetz erlaubt es ihr abzutreiben, aber eine Richterin untersagte es. Eine schwangere Frau wird im Krankenhaus von einem Anästhesisten sexuell missbraucht, während sie nicht bei Bewusstsein ist. Wie steht es um die Rechte von Mädchen und Frauen in Brasilien?

Camila Rufato: Solche Fälle sind leider nicht neu. Nur erreichen sie jetzt die Medien, die Öffentlichkeit, man spricht darüber. Es gibt mittlerweile viele feministische Portale, die über Gewalt gegen Frauen berichten. Solch ein Portal machte auch den Fall der vergewaltigten Elfjährigen öffentlich, die schwanger wurde. Durch das politische Umfeld unter dem brasilianischen Präsidenten Bolsonaro hat sich vieles zurückentwickelt. Eine Welle des Konservatismus hat die Gewalt gegen Frauen verstärkt. Die Rechte von Mädchen und Frauen werden beschnitten, es herrscht in vielen Fällen Straflosigkeit. In der Justiz nimmt man die Opfer nicht ernst.

Was tut die aktuelle Regierung unter Bolsonaro für die Mädchen und Frauen? 

Nichts. Viele Programme zum Schutz der Frauen wurden gestrichen oder gekürzt. Eine Abtreibung wird nicht aus der Perspektive betrachtet, dass es auch gesundheitliche Gründe dafür geben könnte. Nehmen wir noch einmal den Fall des elfjährigen Mädchens, das vergewaltigt und schwanger wurde. Man verbot ihr abzutreiben, obwohl es das Gesetz erlaubt. Wir reden hier von einem elfjährigen Kind. Viele, auch in der Regierung, betrachten eine Abtreibung aus religiöser Sicht. Vorher bemühte man sich noch einigermaßen, Kirche und Staat zu trennen, das ist heute in vielen Fällen leider nicht mehr der Fall.

Hat sich allgemein die Situation von Frauen verbessert oder verschlechtert?

Verbessert, weil wir für die Rechte der Frauen kämpfen. Wir haben schon viele Siege errungen, unter anderem das „Gesetz Mariana Ferrer“. Dieses Gesetz zielt darauf ab, die Würde von Opfern und Zeugen während eines Prozesse nicht zu untergraben, insbesondere bei Verbrechen gegen die sexuelle Würde und Selbstbestimmung des Menschen. Es kann doch nicht sein, dass der Anwalt eines Angeklagten das Opfer öffentlich demütigt. Was eine Frau trägt, wie sie sich gibt, hat doch nichts in einem Fall zu suchen, in dem es um sexuelle Gewalt geht. Wenn Frauen zur Polizei gehen und sagen, dass sie häusliche Gewalt erleben, werden sie oft gefragt, was sie getan haben, dass den Mann so gestresst hat. Oder nach einer Vergewaltigung werden sie gefragt, was sie denn für Kleidung getragen hätten. So etwas darf einfach nicht sein.

Sie haben gesagt, dass mittlerweile viel mehr Frauen sich äußern. Feministische Portale machen auf die Gewalt gegen Frauen aufmerksam. Wie sieht es mit den brasilianischen Männern aus, gibt es von ihnen Unterstützung?

Leider ist es so, dass die Mehrheit der Männer sich nicht äußert. Männer genießen in der brasilianischen Gesellschaft viele Privilegien, die wollen sie nicht aufgeben. Sie sorgen sich um die Frauen in ihrer Familie, aber nicht um die anderen. Nur fünf Prozent der Männer lesen unser Portal „Direito Dela“. Aber es gibt auch positive Beispiele, ich bin mit einem verheiratet (lacht). Er arbeitet auch als Rechtsanwalt  und unterstützt mich in jeder Hinsicht. 

Es gab auch den Fall eines Angestellten im öffentlichen Dienst, der gegenüber einer Kollegin gewalttätig wurde

Ja, sie war seine Chefin. Sie strengte wegen seines aggressiven Verhaltens ein Ermittlungsverfahren gegen ihn an. Als er davon erfuhr, ging er auf sie im Büro los. Das muss man sich mal vorstellen. Kolleginnen hatten Angst vor ihm. Auch dieser Fall zeigt, wie sicher sich die Männer fühlen. In vielen Fällen kommen sie straflos davon. Vor allem, wenn der Angreifer mit dem Argument kommt, dass er psychisch labil sei. Die Männer sind in den meisten Fällen nicht psychisch krank. Neulich hörte ich dazu einen tollen Satz: Die Männer sind nicht psychisch labil, sie sind mental gesunde Söhne des Patriarchats.

Wie wirkt sich der Einfluss der Kirche und der Familie, die eine wichtige Rolle in Brasilien spielen, auf das Bild der Frau in der Gesellschaft aus?

Bei uns gibt es die Frau in zwei Versionen: die Heilige und die Hure. Und das gilt nicht nur für Frauen, das gilt schon für junge Mädchen. Wenn wir uns die Zahlen der Vergewaltigungen anschauen, dann erleiden die meisten Mädchen unter 13 Jahren sexuelle Gewalt. Danach muss sich entweder die Mutter anhören, dass sie sich nicht genug um ihre Tochter gekümmert hat oder der Tochter wird vorgeworfen, dass sie es provoziert habe. Viele Männer sagen auch noch, wäre das Mädchen nicht in der Kirche oder zu Hause gewesen, wäre das nicht passiert. Die Realität sieht aber so aus, dass die meisten zu Hause vergewaltigt werden. Auch hatten wir viele schlimme Fälle des sexuellen Missbrauchs in der Kirche, da waren alle Glaubensgemeinschaften vertreten.

Es gibt in der brasilianischen Gesellschaft große Klassenunterschiede. Wie ist die Situation für nicht privilegierte Frauen?

Nicht gut. Es ist noch gar nicht so lange her, da war im Gesetzbuch von der „aufrichtigen Frau“ die Rede. Wer fiel unter diesen Begriff? Weiße Frauen aus der oberen Gesellschaftsschicht. Wer fiel nicht darunter: dunkelhäutige Frauen; Frauen, die auf der Straße leben oder arbeiten. Wurde eine weiße, privilegierte Frau vergewaltigt, wurde ihr Angreifer bestraft, in anderen Fällen nicht. Es gab auch noch die Regel, dass ein Vergewaltiger straffrei davonkommt, wenn er sein Vergewaltigungsopfer heiratet. Das macht einen sprachlos.

Sie sind eine der Gründerinnen des Portals Direito Dela, was genau machen Sie da?

Es geht vor allem darum, Frauen ihre Rechte zu erklären. Die Terminologie ist schon sehr speziell. Meine Co-Gründerin kommt aus dem Marketing und dem Techbereich, ich bin Rechtsanwältin. Wir wollten Frauen ein Portal bieten, wo sie Hilfe und Rechtsbeistand bekommen. Nehmen wir den Fall, dass eine Frau aus einer ländlichen Gegend sexuelle Gewalt erlebt, sie möchte sich einen Anwalt nehmen, kennt aber niemanden und hätte gerne den Fall von einer Frau betreut. Bei uns findet sie jemanden. Auf Instagram sind wir seit fast zwei Jahren, die Website ist wenige Monate alt. Und das Gute ist, dass sich auch die Anwälte untereinander vernetzen können. 

Warum wollten Sie Anwältin werden?

Ich wollte etwas bewirken (lacht). Es ist auch mal frustrierend, es gibt viele schlimme Fälle, aber ich sehe, dass man Dinge verändern kann. Ich berate auch. Demnächst fahre ich in eine kleine Stadt, wo der Anteil an häuslicher Gewalt sehr hoch ist. Der Richter kannte meine Arbeit und wandte sich an mich. Wir werden die Mitarbeiter schulen, weil viele in solchen Fällen nicht geübt sind. Oft werde ich gefragt, ob ich selbst sexuelle oder häusliche Gewalt erfahren habe, aber dem ist nicht so. Ich bin glücklich mit einem Mann verheiratet, der ein ganz toller Mensch ist. Ich hatte nur mal eine schlechte Erfahrung mit einem Professor während meines Studiums gemacht. Es war nichts Körperliches im Spiel, aber das hat mir schon gereicht.

Website: Direito Dela

Instagram @direito.dela

Gewalt gegen Frauen in Brasilien: „Die Männer fühlen sich sicher“

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