Die Brasilianerin Iara Dupont ist Schriftstellerin und beschäftigt sich mit der Ehe, die in dem religiösen Land als heilig gilt. Sie kritisiert unterwürfige Frauen und Macho-Verhalten. Interview mit einer mutigen Frau, die sich durch ihre Arbeit viele Feinde gemacht hat.

Als brasilianische Schriftstellerin beschäftigen Sie sich hauptsächlich mit der Institution der Ehe, warum?

Iara Dupont: Ich habe die Frauen in meiner Familie beobachtet. Es sind sehr intelligente Frauen, aber ich hatte den Eindruck, dass sie viele Möglichkeiten im Leben nicht hatten, weil sie verheiratet waren. Dann fing ich an, über diese Frauen zu schreiben. Daraufhin meldeten sich viele bei mir. Wie die Ehe wirklich ist, darüber sprechen die wenigsten. Mittlerweile schreibe ich seit zwölf Jahren zu diesem Thema.

Warum ist die Ehe in Brasilien so wichtig?

Dupont: Sie ist die Basis des Kapitalismus: Zwei Personen schaffen mehr Geld zusammen als eine. In diesem System arbeitet der Mann, dazu braucht es noch jemanden, der die ganze Struktur aufrecht erhalten muss. Jemand muss das Haus putzen, sich um die Kinder kümmern. Die Ehe wird als romantische Idee verkauft. Die Frau wird eigentlich zwei Mal ausgebeutet. Meisten hat sie noch einen Job, weil ein Gehalt mittlerweile nicht mehr ausreicht, um die Familie zu ernähren. Und zu Hause muss sie weiterarbeiten. In Brasilien ist es sehr einfach zu heiraten, sich scheiden zu lassen, dagegen sehr kompliziert. Auch kommt man als Paar viel leichter an Wohnungen. Nur Frauen mit sehr viel Geld können sich eine Wohnung leisten, in den anderen Fällen würde die Baugesellschaft gar nicht zustimmen, weil alles darauf ausgerichtet ist, dass zwei Menschen bezahlen.

Foto: Pixabay

Was erzählen Ihnen die Frauen?

Dupont: Zuerst erzählen sie, wie erzogen und sympathisch der Mann war, als sie sich kennenlernten und ein Paar wurden. Sobald sie verheiratet sind, nimmt er die Position des Latino-Mannes ein: „Ich putze nicht, das ist deine Aufgabe“, heißt es dann. Oder sie behaupten, sie wüssten nicht, wie man im Haushalt hilft. Die Frauen werden zu Hause mit der Arbeit komplett alleine gelassen. In der Denke vieler Männer ist man verheiratet und muss die Frau nicht mehr zufriedenstellen. Sagen die Frauen etwas, kommt aus der Gesellschaft zurück: „Männer sind eben so“. Es gibt auch Männer, die mithelfen, aber sie machen dann etwas Besonderes daraus. Sie müssen ständig betonen, dass sie etwas zu Hause getan haben. Dabei sollte es eine Selbstverständlichkeit sein.

In Ihren Geschichten nennen Sie den Mann Romeo und die Frau Julia, wie aus der Tragödie von William Shakespeare. Warum genau diese Namen?

Dupont: Ich muss die Frauen anonymisieren und ich will mir auch nicht ständig neue Namen ausdenken müssen (lacht). Ich arbeitete vorher als Schauspielerin und habe mich viel mit Shakespeare beschäftigt. In dieser Geschichte gibt es die romantische Liebe zwischen zwei Jugendlichen, aber wenn man Romeo analysiert, bekommt man doch ein anderes Bild von ihm. Er ist unkontrolliert, impulsiv, er bringt zwei Verwandte von Julia um. Ihr ist sein Verhalten gar nicht bewusst. Die Beziehung der beiden ist für mich das beste Beispiel einer außer Kontrolle geratenen Liebe.

Das sind patriarchale Strukturen, die Sie beschreiben. Welchen Einfluss hat das Patriarchat in Brasilien?

Dupont: Ich vergleiche es immer mit einem Netzwerk, das sich überall einnistet, sei es im privaten oder im beruflichen Bereich. Die Frauen werden ihr Leben lang zum Schweigen verdonnert, man verlangt ihnen alles ab und kontrolliert sie am laufenden Band. Psychologische Hilfe, Schwangerschaftdepression oder Gewalt gegen Frauen sind Themen, die vor nicht allzu langer Zeit gar nicht öffentlich diskutiert wurden.

Würden Sie sagen, dass es durchaus auch die Frauen sein können, die das Patriarchat aufrechterhalten?

Dupont: Auf jeden Fall. Es gibt Frauen, die das Patriarchat sehr gut pflegen. Ich muss sie aber auch in Schutz nehmen, denn viele meinen, dass das Patriarchat sie beschützt. Das stimmt zwar nicht, aber dieser Glaube existiert. Wegen meiner Arbeit bin ich vielen verbalen Attacken ausgesetzt und 99 Prozent davon kommen von Frauen. Hinzukommt die tiefe Verwurzelung der Religion in Brasilien. Wenn dir jemand mit Gott kommt, kannst du gar nicht mehr vernünftig diskutieren. Sie zitieren die Bibel und dass da doch steht, dass man heiraten müsse und wie wichtig es sei, dass man einen Partner hat. Die Frauen sind wegen dem, was ich sage, empört. Die Männer sind da anders, aber sie drohen mir auch.

Mit was denn?

Dupont: Sie drohen mir meistens mit sexueller Gewalt. Interessant ist, dass ich diese Drohungen „nur“ dann erhalte, wenn ich den Frauen sage, dass sie eine Geldreserve zur Seite legen sollen, ohne dass es der Mann bemerkt. Warum sage ich das? In einer Ehe, in der zum Beispiel Gewalt herrscht, ist es wichtig, dass die Frau fliehen kann, aber dafür braucht sie finanzielle Mittel. Auch sage ich den Brasilianerinnen, die im Ausland leben, dass sie immer ihren Pass in der Nähe haben sollen, falls etwas Schlimmes passiert.

Die verbalen Attacken und Drohungen sind ganz schön heftig. Haben Sie deswegen schon einmal überlegt, mit Ihrer Arbeit aufzuhören? 

Dupont: Jeden Tag. Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe im falschen Land. Hier gibt es viele Verrückte, Faschisten, religiöse Fanatiker. Man muss vorsichtig sein bei so einem Thema. Seit die Mädchen klein sind, sagt man ihnen, dass der schönste Tag in ihrem Leben die Hochzeit ist. Die Frauen sehen ihren Ehemann in meinen Geschichten und deswegen entsteht auch dieser Hass gegen mich. Aber ich werde mit meiner Arbeit nicht aufhören, weil viele für das, was ich sage, empfänglich sind. Mir schreiben viele Frauen, die um die 70 Jahre alt sind. Sie bedauern es, dass man ihnen bestimmte Dinge über die Ehe nicht schon vorher gesagt hat. Man braucht den Gegendiskurs.

Ist es in Städten wie Rio de Janeiro, Sao Paulo oder Brasilia besser?

Dupont: Die Frauen machen Fortschritte, aber das Patriarchat hat immer noch die Oberhand. In den großen Städten gibt es jetzt eine Diskussion über den Mann als guten Partner, der nicht die Frau unterdrückt, der sich ihrer Rechte bewusst ist. Viele heiraten nicht mehr, sie leben zusammen und sie finden es toll, dass der Mann am Sonntag für sie Spaghetti kocht. Seine Haltung unter der Woche ist die eines Machos. Natürlich verhalten sich nicht alle Männer so, aber es ist die große Mehrheit. Der Wert der Frau hängt in Brasilien davon ab, mit wem sie ausgeht. Und viele Frauen legen ihren Fokus nur auf das Heiraten. In Brasilien gibt es eine große wirtschaftliche Ungleichheit: Je ärmer die Frau, desto größer ist der Traum, mit einer Heirat der Armut zu entfliehen. Über allem stehen noch die Kirche und die Telenovelas (Fernsehserien), welche die Ehe mystifizieren.

Rio de Janeiro. Foto: Pixabay

Was muss sich ändern?

Dupont: Die Frauen müssen ihr Leben und ihre Interessen vorne anstellen. Sie müssen aufhören, Männern zu dienen, ihnen das Leben leichter zu machen. Viele glauben, wenn sie sich um den Mann kümmern, ist das Liebe. Ich kenne zahlreiche Fälle, in denen die Frau dem Mann bei der akademischen Ausbildung hilft, für ihn die Aufgaben erledigt. Das ist doch absurd. Auch erzählen mir die Frauen, dass sie in der Pandemie für ihren Mann ein Auto gekauft haben, damit er für die Firma Uber arbeiten kann, um Geld zu verdienen, weil er wegen Corona seine Arbeit verloren hat. Er arbeitet ein paar Stunden die Woche, die restlichen Tage fährt er mit dem Auto durch die Gegend und vergnügt sich. Warum bezahlt er denn das Auto nicht selbst oder nimmt ein Darlehen auf?

Sehen Sie eine Verbesserung oder eine Verschlechterung der Situation?

Dupont: Ich sehe eine Verbesserung, weil die Frauen langsam bemerken, dass etwas nicht stimmt. Sie werden sich ihrer Situation bewusst, weil der Schmerz so groß ist. Vor allem sind sie müde und erschöpft. Sie kommen von der Arbeit nach Hause, der Mann ist schon zwei Stunden früher da und wartet so lange auf dem Sofa, bis sie da ist und das Essen zubereitet. Wenn sich solche Fälle häufen, werden die Frauen hellhörig.

Was kann die Regierung tun?

Dupont: Die Regierung spielt eine große Rolle. Sie müsste sichere Orte zur Verfügung stellen, wenn Frauen vor Gewalt fliehen. Oft können diese Frauen nicht zu ihren Eltern zurück, weil diese so religiös sind, dass sie es ihnen nicht erlauben, in ihr Elternhaus zurückzukehren. Die Regierung müsste den Frauen Aussicht auf Arbeit geben, Krippen- oder Kindergartenplätze für die Kinder. Es würde sich vieles zum Besseren wenden, wenn es diese Form der Unterstützung gäbe.

Wie sehen Sie sich als Frau in dieser Gesellschaft?

Dupont: Ich bin glücklich, auch wenn ich manchmal den Eindruck habe, dass ich mit meinem Thema alleine bin. Für mich waren ein Ehemann und ein Kind keine Alternative. Die Leute denken, weil ich nicht verheiratet bin, dass ich jeden Tag mit Männern ausgehe. An meinem Privatleben besteht ein großes Interesse. Ich sehe mich als Schriftstellerin, die eine Message an die Frauen hat. Das kommt nicht immer gut an. Meine Tätigkeit als Schauspielerin hat mir sehr geholfen, weil man in dieser Branche oft sehr schlecht behandelt wird. Das war insofern ein „gutes Training“ für meine jetzige Arbeit.

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„Der Wert der brasilianischen Frau hängt davon ab, mit wem sie ausgeht“

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4 Gedanken zu „„Der Wert der brasilianischen Frau hängt davon ab, mit wem sie ausgeht“

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