Foto: Christian Kaufmann

Mit elf Jahren verlor die Tübinger Ärztin Lisa Federle den Vater, sie flog von der Schule, die Mutter warf sie aus dem Haus. Im Interview erzählt die vierfache Mutter, wie es jeder aus einer misslichen und schwierigen Lage schaffen kann.

Sie bezeichnen sich als Papakind. Ihr Vater ist früh gestorben wegen eines Kunstfehlers. Was haben Sie von ihm gelernt?

Lisa Federle: Mein Vater war sehr besonnen, bedacht, aber auch sehr klar. Er hat immer seine Meinung gesagt, das habe ich definitiv von ihm. Wenn man in die Politik schaut, stellt man doch eher fest, dass wenig klare Aussagen getroffen werden, keiner möchte sich festlegen.

Durch den Tod Ihres Vaters wurde Ihre gesamte Familie aus der Bahn geworfen. Ihre Mutter zog sich immer mehr in den Glauben zurück. Wie war Ihr Verhältnis damals zu ihr?

Federle: Ich wollte gar nicht ständig mit dem Tod von meinem Vater konfrontiert werden. Meine Mutter hat dagegen immer darüber gesprochen, was ich im Nachhinein auch verstehen kann, aber als Kind verstand ich es nicht. Auch durch die streng gläubige Erziehung distanzierte ich mich immer mehr von meiner Mutter. Das ist ab einem bestimmten Alter schwierig, wenn einem als Kind alles verboten wird und man nirgends teilnehmen kann.

Wie verstehen Sie sich mit Ihrer Mutter heute?

Federle: Ok. Ich habe vermutlich ein engeres Verhältnis zu meinen Kindern, aber es ist auch eine andere Zeit gewesen. Das lässt sich nicht vergleichen. Heute erzieht man seine Kinder einfach anders.

Mit neun Jahren wussten Sie, dass Sie Ärztin werden wollen. Durch den Tod Ihres Vaters und die Probleme zu Hause sind Sie nach der Hälfte der 9. Klasse gar nicht mehr zur Schule gegangen. Dann holten Sie als dreifache Mutter Ihr Abitur nach und studierten mit vier Kindern Medizin. Woher nahmen Sie die Kraft?

Federle: Das ist witzig, das fragen alle. Wenn man einen Traum hat und diesem nachgeht, empfindet man das nicht als anstrengend. Mir fiel es auch leicht zu lernen und ich hatte immer ein sehr gutes Gedächtnis.

Auffallend ist, dass Sie in schwierigen Situationen immer einen Ausweg finden, sie haben eine hohe Resilienz

Federle: Das ist auch die rote Linie in dem Buch. Auch mit wenig Geld gibt es immer einen Weg. Man kann sich immer Möglichkeiten schaffen, die einen aus einer schwierigen Situation herausziehen.

Es gibt aber Menschen, denen das nicht gelingt. Was würden Sie raten?

Federle: Ich hatte als junge Mutter oft kaum Geld und es gab aussichtslose Situationen. Aber man kann sich Inseln schaffen, die das Leid lindern. Das kann ein Buch sein. Ein Buch bezahlt zwar nicht die Stromrechnung, aber man befasst sich mit etwas anderem. Nach dem Tod meines Vaters habe ich sehr viel gelesen, um auf andere Gedanken zu kommen. Es geht um die kleinen Auszeiten. Wenn die Sonne scheint, kurz rausgehen und das schöne Wetter genießen. Das kann jeder machen.

Mit 37 Jahren hatten Sie es geschafft, Sie waren Ärztin. Was war das für ein Gefühl?

Federle: Ich war sehr glücklich. Wobei ich noch glücklicher war, als ich die Zusage von der Universität bekommen habe. Meine größte Angst war damals, dass ich das Abitur habe, aber keinen Universitätsplatz bekomme.

Was bedeutet der Beruf für Sie?

Federle: Er war immer mein Traumberuf und er ist es heute noch. Es ist ein tolles Gefühl, Menschen helfen zu können. Die Erlebnisse sind manchmal schlimm, aber ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit.

Mit Ende 50 erhielten Sie die Diagnose Brustkrebs. Was hat Ihnen in dieser schweren Zeit geholfen? 

Das war eine wirklich schlimme Zeit, in der ich mich gefragt habe, ob ich das überstehe. Als ich über die Chemotherapie aufgeklärt wurde, hatte ich Angst. Als Arzt kennt man ja alle Risiken und Nebenwirkungen. Nach der OP stellte sich jedoch heraus, dass der Brustkrebs nicht so aggressiv war, wie diagnostiziert, da die Befunde verwechselt worden waren. So brauchte ich dann zum Glück keine Chemotherapie. In der ganzen Zeit hat mir wie immer meine Familie sehr geholfen, alle waren für mich da.

Sie waren immer in längeren Beziehungen, unter anderem mit dem Politiker Rezzo Schlauch. Was haben Sie durch die Partnerschaften über sich gelernt?

Federle: Ich habe für mich gelernt, dass man Beziehungen nie von außen beurteilen sollte. Und ich glaube auch, dass Beziehungen für bestimmte Lebensabschnitte gut sein können. Dass man nicht sagt, das muss jetzt 50 Jahre halten, sondern, dass man für andere Lebensformen offen ist. Heute sind auch Patchworkfamilien viel akzeptierter. Als ich damals als junge Frau zwei Kinder alleine aufzog, kam das nicht sonderlich gut an.

Mit 60 Jahren haben Sie noch einmal geheiratet. Warum war Ihnen der Trauschein wichtig?

Federle: Das mag komisch klingen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich angekommen bin. Mein Partner wollte auch gerne heiraten. Er spielt in dem Buch keine so große Rolle, weil er nicht an die Öffentlichkeit möchte.

In ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie bei Männern einen guten Stand hatten, bei Frauen weniger. Warum war das so?

Federle: Ich glaube schon, dass mich früher Frauen als Bedrohung gesehen haben. Ich bin politisch sehr interessiert, habe viel durch meinen Beruf erlebt und gesehen. Da hat sich manche Frau in meinem Alter oft zurückgesetzt gefühlt. Früher war es ja eher der Fall, dass die Frau zu Hause geblieben ist und sich um die Kinder gekümmert hat.

In Tübingen haben Sie während der Corona-Pandemie eine rollende Teststation auf die Beine gestellt, Sie ermöglichen benachteiligten Kindern sportliche Tätigkeiten. Was treibt Sie an?

Federle: Es ist einfach schön, anderen Menschen zu helfen, wenn man die Möglichkeit hat. Dadurch wird die Welt auch ein Stück besser. Ich habe früher selbst erlebt, wie es ist, wenn es einem nicht gut geht und man niemanden hat, der einem hilft. Ganz aktuell unterstützen wir ukrainische Kinder mit dem Verein “Bewegt euch” in Tübingen und Umgebung, indem wir ihnen den passenden Sportverein vermitteln. Es wäre schön, das auch deutschlandweit umzusetzen.

Wo können Sie abschalten?

Federle: Beim Lesen, Malen, wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin. Oder wenn ich auf Mallorca oder mit dem Wohnmobil unterwegs bin. Ich muss nicht von morgens bis abends beschäftigt sein. Ich kann mich ohne Probleme sechs Stunden am Stück in ein Buch vertiefen.

Was haben Sie noch für Wünsche?

Federle: Dass ich nach wie vor zu meinen Kindern ein gutes Verhältnis habe und dass ich Zeit für meine Enkelkinder habe. Ich würde mir auch wünschen, dass man ein soziales Jahr für alle einführt. Die jungen Menschen sollen sehen, dass die Welt nicht nur aus Computerspielen, Leistung und Geldverdienen besteht, sondern dass es auch Menschen gibt, die ein schwieriges Leben haben, denen es nicht gut geht. Das sehe ich auch als Präsidentin vom Deutschen Roten Kreuz. Die jungen Leute haben dort nach einem Jahr eine ganz andere Einstellung zu Krankheiten, Leid und alten Menschen.

Was macht ein gutes Leben für Sie aus?

Federle: Das ist ganz individuell. Ein schönes Leben macht aus, wenn man für sich etwas gefunden hat, dass das Leben bereichert. Ich war mit 23 Jahren schwer krank und da habe ich mir geschworen, wenn ich einmal sterbe, dann möchte ich mir sagen können, dass ich ein schönes Leben gehabt habe, auch wenn es nicht immer einfach war. Dankbarkeit ist auch wichtig und man sollte nicht mit der Vergangenheit hadern, irgendwann muss man damit abschließen können.

Foto Titelbild: Christian Kaufmann

Biografie von Lisa Federle: von der Schulabbrecherin zur Ärztin

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