Die Finnin Mia Kankimäki tauschte Helsinki gegen Kyoto, ihren sicheren Job gegen eine Recherchereise mit ungewissem Ausgang. Daraus entstand ihr erstes Bestseller-Buch. Im Interview spricht sie über Japan, die Hofdame Sei Shonagon und Mia Kankimäki gibt Tipps für werdende Schriftsteller.

Für Ihr erstes Buch „Dinge, die das Herz höher schlagen lassen“ verließen Sie Helsinki und gingen nach Kyoto, um den Spuren von Sei Shonagon zu folgen. Sie war Hofdame am japanischen Kaiserhof. Sie schrieb vor 1000 Jahren ein Tagebuch, das unter dem Titel „Kopfkissenbuch“ veröffentlich wurde. Was fasziniert Sie an ihr?

Mia Kankimäki: Ihre Schriften fühlten sich total modern an. Wie sie über ihr Leben am Hof schreibt, ihre Beziehungen und Liebesaffären, das hätte auch von heute sein können. Für mich war auch interessant zu sehen, dass sich bestimmte Gefühle im Leben einer Frau überhaupt nicht verändert haben, ich konnte mit ihr mitfühlen. Ich liebe auch ihre Persönlichkeit, ihren scharfen Witz, ihr Selbstvertrauen, ihren Sinn für Humor, die Art, wie sie spricht. Und natürlich liebe ich ihre Listen: Sie listet charmante, nervige, elegante Dinge auf. Diese Art zu schreiben fühlt sich durch und durch zeitgemäß für mich an.

Mich fasziniert auch die Hofkultur der Heian-Zeit. Man widmete sich damals der Schönheit und der Poesie. Es ist bemerkenswert, dass die berühmtesten Schriftsteller dieser Zeit alle Frauen waren. Schriften wie von Sei Shonagon oder auch Murasaki Shikibu bieten einen sehr seltenen Zugang zu den Gedanken einer Frau von vor 1000 Jahren. Ich finde das sehr inspirierend.

Sei Shonagon ist smart, modern und emanzipiert. Was können andere Frauen von ihr lernen?

Kankimäki: Ja, das ist sie. Sie wirkt mutig, offen, selbstbewusst und dafür bewundere ich sie. Sie verbirgt ihr Talent nicht, im Gegensatz zu vielen Frauen, sondern fördert es und sie hält sich mindestens für so fähig und talentiert wie die Männer um sie herum. Frauen machen sich oft kleiner, sie nicht. Ich finde es auch toll, wie sie Frauen ermutigt, Karriere zu machen anstatt zu Hause zu bleiben – und das vor tausend Jahren! Sie trifft sich gerne mit ihren Liebhabern, toleriert aber kein schlechtes Benehmen von ihnen.

Sie hat eine sehr gute Einstellung zum Leben und Schreiben und sie besitzt die Fähigkeit, die Bedeutung und Schönheit im kleinsten Detail zu sehen. 

Die einstige japanische Hauptstadt Kyoto ist berühmt für ihre Tempel. Ein Highlight ist die mit Blattgold überzogene Tempelanlage Kinkaku-ji. Foto: Pixabay

Hat es Sie viel Mut gekostet, Helsinki für Kyoto zu verlassen?

Kankimäki: Ja, obwohl es sich überhaupt nicht mutig anfühlte. Aber ich wollte gehen. Ich hatte das Gefühl, dass mein Leben, wie ich es kannte, zu Ende war. Ich brauchte dringend eine Veränderung. Also kam ich auf die Idee, ein Sabbatical zu nehmen, nach Kyoto zu gehen und über Sei Shonagan zu forschen, um über sie zu schreiben. Als es dann soweit war und ich meine Wohnung räumen und vermieten musste, hatte ich wirklich Angst. Ich kannte niemanden in Kyoto, auch wenn ich einmal sehr kurz dort gewesen bin. Ich sprach kein Japanisch und ich war vorher noch nie wirklich alleine unterwegs. Aber mir blieb nichts anderes übrig, als zu gehen.

Hat Sie der Aufenthalt in Japan verändert?

Kankimäki: Ja, in vielerlei Hinsicht. Zunächst einmal habe ich mich total in Kyoto verliebt und gelernt, dass ich eigentlich gut alleine reisen kann. Ich bin ziemlich introvertiert, aber es hat überraschend viel Spaß gemacht, mit mehreren Mitbewohnern aus der ganzen Welt in einem Gruppenhaus zu wohnen. Und ich habe auch viele Freunde gefunden, was ich nicht erwartet hatte. Ich dachte, ich wäre zu schüchtern dafür. Ich dachte, dass ich drei Monate lang mit niemandem reden würde.

Aber das Größte war vielleicht, dass ich entdeckte, das Recherchieren zu lieben, zu reisen und zu schreiben, und dass ich das weiter machen möchte. Mein Aufenthalt in Japan hat am Ende mein Leben komplett verändert. Ich bin nicht mehr zu meinem alten Job im Verlag zurückgekehrt, ich verkaufte meine Wohnung und wurde Vollzeit-Autorin. Ich habe drei Jahre gebraucht, um dieses Buch zu schreiben. Danach habe ich mit meinem zweiten Buchprojekt weitergemacht. Ich bin auch in andere Länder gereist und dort länger geblieben. Japan und vor allem Kyoto bleiben die große Liebe meines Lebens. Seitdem verbringe ich dort viel Zeit mit Schreiben und Recherchieren.

Im Vergleich zu Europa ist Japan ganz anders. Gibt es eine Begegnung oder ein Ereignis,
das Sie in Japan nachhaltig beeindruckt hat?

Kankimäki: Ach, es gibt so viele (lacht)! Ich liebe das Essen, ich liebe die Ästhetik, ich liebe die verschiedenen Arten der traditionellen Kultur, die Holzarchitektur, Tempel, Gärten, Kabuki, No-Theater und die Natur, die Onsens. Eine Sache, die ich besonders liebe, ist die Art und Weise, wie unbekannte Menschen so nett und hilfsbereit sind. Zum Beispiel war ich einmal mit einem Freund auf dem Land unterwegs, und wir hatten geplant, mit dem Bus in kleine Städte zu fahren. Aber wir schafften es nie, einen Bus zu nehmen: Denn jedes Mal, wenn wir an einer Bushaltestelle standen, hielt ein Auto und jemand fragte uns, ob man uns mitnehmen könnte. Danach bekamen wir sogar ein paar Mitbringsel.

Der Fushimi Inari-Schrein in Kyoto ist durch seine mehr als tausend Tore bekannt. Foto: Pixabay

Was sind die Vor- und Nachteile eines Schriftstellers?

Kankimäki: Ein Vorteil ist definitiv die Freiheit, die Möglichkeit zu reisen und Themen zu recherchieren, die mich interessieren, ganz nach meinem Zeitplan. Für mich ist das Schreiben eines Buches ein Lernprozess, ich kann ein Thema wählen, über das ich mehr wissen möchte – sei es das Japan der Heian-Ära, italienische Kunst oder Renaissance. Der eigentliche Teil des Schreibens ist harte Arbeit. Für mich ist das Schwierigste, das Material in ein Manuskript umzuwandeln. Auf die Minusseite würde ich rechnen, dass es eine ziemlich einsame Arbeit ist. Und es ist nicht einfach, sein eigener Chef für ein jahrelanges Projekt zu sein. Natürlich ist das Leben als Freiberufler auch wirtschaftlich ungewiss. Und manchmal fehlt mir der monatliche Gehaltsscheck.

Sie haben einige Buchpreise gewonnen. Wie wichtig ist das für Sie?

Kankimäki: Natürlich fühlt es sich gut an, Anerkennung für die eigene Arbeit zu bekommen. Ich weiß das sehr zu schätzen, auch das Feedback der Leser motiviert. Aber am Ende verbringt man so viele Jahre damit, alleine zu arbeiten, dass die Motivation zu dieser Arbeit aus dem Prozess des Schreibens und des Forschens selbst kommen muss. In gewisser Weise schreibe ich für mich selbst, um etwas zu lernen, zu entdecken und zu erleben, um es dann letztendlich mit anderen zu teilen.

Für Ihre Bücher unternehmen Sie längere Recherchereisen in andere Länder. Wie leicht
oder schwer fällt
es Ihnen, in Helsinki wieder in den Alltag zurückzufinden?

Kankimäki: Es kommt darauf an. Wenn ich von den himmlisch schönen Herbstfarben Kyotos in die regnerische Dunkelheit von November-Helsinki zurückkehre, kann der Wechsel sehr deprimierend sein. Ich leide auch sehr unter Jetlag, daher brauche ich immer Tage oder sogar eine Woche, damit mein Körper und meine Seele nachziehen können. Und manchmal sogar, wenn es keinen Jetlag gib, um ehrlich zu sein. Andererseits ist Helsinki meine Heimatstadt und es ist immer schön, Freunde und Familie zu sehen. Auch wenn es manchmal schwierig und mühsam ist, teile ich mein Leben gerne zwischen längeren Auslandsreisen und Helsinki auf – so bleibt das Leben interessant.

Wenn jemand Schriftsteller werden möchte, was würden Sie ihm raten?

Kankimäki: Es gibt so viele Schreibmethoden wie es Autoren gibt, also kann ich natürlich nur von dem sprechen, was für mich funktioniert hat. Aber versuchen wir es: Diese drei Tipps hätte ich.

Wähle ein Thema, das dich leidenschaftlich interessiert, auch wenn es seltsam klingt oder du keine Ahnung hast, wie es funktionieren wird oder was daraus wird. Folge dem Bauchgefühl. Die Bedeutung wird sich während des Prozesses offenbaren. Das klingt jetzt fast wie ein Orakel (lacht).

Erwarte nicht am Anfang fertige oder gar „gute“ Texte zu schreiben. Fang einfach an, irgendetwas zu schreiben, zum Beispiel eine Stunde am Tag. Ich schreibe und überarbeite meine Texte immer endlos oft – es braucht Zeit, um den Stil zu finden und zu verstehen, was man wirklich sagen will.

Immer weiter machen. 

Können Sie schon etwas über Ihr nächstes Buchprojekt verraten?

Kankimäki: Es ist schwierig, über ein Buch zu sprechen, wenn es noch in Arbeit ist. Erstens weiß ich noch nicht, wie es sein wird, und zweitens nimmt es irgendwie das Mysterium. Aber ich kann sagen, dass ich seit zwei Jahren versuche, nach Japan zurückzukehren, aber meine Reise wegen der Pandemie und der Tatsache, dass Japans Grenzen immer noch geschlossen sind, verschieben musste. Hoffentlich bald!

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Schriftstellerin Mia Kankimäki: Tausche sicheren Job gegen Leben als Autor

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